3. Abend der Herbstsaison 2001:

Donnerstag, 8. November 2001, 19.30 Uhr, Management Club

Wissensmanagement


Dr. Haimo L. Handl

Wissensgemeinschaften als Labors

Was sind Wissensgemeinschaften (WG)?

Gruppen von Personen, die gemeinsame Interessen und/oder Arbeiten zusammenbrachten und zusammenhalten, so lange diese Arbeiten und Interessen durch die Kommunikation von Wissen jeder Beteiligten zum Vorteil gereicht. Die WG gruppiert sich um einen spezifischen Themenbereich.

Als wesentlich erachtete Kriterien für WG:

  • Gemeinsame Interessen
  • Schwerpunkt auf Wissens-Kommunikation
  • Freiwillige Teilnahme
  • Selbst organisiert

WG sind nicht neue, formelle Organisationseinheiten innerhalb bestehender Organisationen, sondern unabhängige bzw. Organisationen übergreifende Einrichtungen, deren Teilnehmerinnen freiwillig und nicht vertraglich verpflichtet mitwirken. Sie verändert sich entsprechend der Gruppentätigkeit und nicht aufgrund von Interventionen seitens eines Managements. Die WG umfasst Personen verschiedener Hierarchien und Funktionen; der Stellenwert eines WG-Mitglieds bemisst sich nach seiner Kommunikation und nicht sonstiger organisatorischer oder sozialer Ränge.

Verschiedene Einrichtungen für Wissenskommunikation:

  • Common interest network
  • Community of interest
  • Community of practice
  • (Experten)Netzwerk
  • Gruppe / Team
  • Practice group

 

Hauptmerkmale einiger Wissenskommunikationseinrichtungen:

Gruppe (Team):

  • Organisierte Gruppe von Personen mit einem gemeinsamen Auftrag (Projekt, Arbeit, Kommunikation) innerhalb einer existierenden Organisation
  • Das Team kann bestehende hierarchische Strukturen übergreifen (Projektteam) und temporäre eigene Hierarchien entwickeln, die dem Teamprozess dienlich sind
  • Kleine, überschaubare Einheit erlaubt eher stärkere soziale Bindungen, persönliches Involvieren, Motivieren, Kommunizieren (Gruppen- oder Nahwelt)
  • Flexible Kommunikation und Arbeitsmöglichkeit fördern  zielgerichtete Wissenskommunikation

Communities of practice:

  • Merkmale wie WG, jedoch mit dem wesentlichen Unterschied, dass sie immer durch gemeinsame Arbeit bzw. Arbeitsziele und daraus resultierender Gemeinschaft sich bilden und wirken. Der Unterschied zur WG liegt also in der praktischen Arbeit: eine WG kann ohne direkten Bezug zur praktischen Arbeit(saufgabe) ihre Funktion erfüllen, eine CoP ist ohne diese nicht existent oder funktionabel. Sie ist, wie die WG oder ein Netzwerk, kein Team. Der Unterschied zum Netzwerk liegt in der strikteren Abgrenzung: das Netzwerk erlaubt weniger Gemeinsamkeit und weniger direkte praktische Mitwirkung; dort gilt mehr das Interesse und kommunizierbares Wissen – in der CoP die aktive Teilnahme in praktischer Arbeit
  • Höchste praktische Lösungsmotivation und –leistung durch formlose, aber aufgabenorientierte Arbeit und Kommunikation in Gruppe mit (meist) hohem Identitätsgrad und vertiefter gemeinsamer Erfahrungen
  • Hohe Bedeutung für die Lernende Organisation, da selbst lernfähig bzw. lernend

Netzwerke:

  • Merkmale wie WG, jedoch meist mit höherer Bedeutung der Beziehungsaspekte (soziale Verbindungen)
  • Offener Leistungsaustausch, Komplementarität der Expertisen bzw. Wissensteile begünstigt wissensintensive Kontexte

Motivation für Wissensgemeinschaften:

  • Bessere Leistungserfüllung durch Wissens- und Informationsaustausch
  • Vorteile für alle Beteiligten
  • Synergien
  • Gegenseitige Bestätigung durch offene Kommunikation

Wirkungsmöglichkeiten bzw. Ziele von Wissensgemeinschaften:

  • Pool oder Verteiler für Wissenskommunikation
  • Verbindung von internem und externem, implizitem und explizitem Wissen
  • Innovationen
  • Ausbau und Pflege der Wissensbereiche und Wissenssysteme
  • Soziale Einheit, die (u.a.) Identität und Sinn stiftet bzw. stärkt

Mögliche bzw. häufige Probleme von Wissensgemeinschaften:

  • Verständnisprobleme des Wissensbegriffs (Management vs. WG)
  • Probleme der Interaktion innerhalb der WG
  • Probleme der Interaktion zwischen WG und Organisation(en)

Bedingungen für gut funktionierende Wissensgemeinschaften:

  • Hohes Vertrauen zwischen den WG-Mitgliedern
  • Keine direkten Interventionen oder Druck seitens der Organisationen, denen die WG-Mitglieder angehören
  • Wenn eine WG sich mit direkten Unternehmensaufgaben befasst, klare Definition der Projektziele und Verständnis des Unternehmens, dass WG nicht im Zeitdruck Ergebnisse liefert wie etwa ein Projektteam (d.h., Zeitrahmen ist spezifisch und Erfolgsbewertung ebenso!)
  • Langfristig ein positives Verhältnis zwischen Wissensgenerierung, -austausch und Umsetzung: die Arbeit der WG darf nicht (nur) abstrakt und theoretisch bleiben, sie muss sich in praktischen Umsetzungen vollenden und bewähren

Struktur und Funktionsweise von Wissensgemeinschaften:

  • Moderator (Organisator)
  • Assistent des Moderators
  • Kernbereich der WG
  • Äußerer Bereich der WG
  • Vermittler (Broker) zwischen verschiedenen WG
  • Patronage (Pate), wenn WG innerhalb einer Organisation wirkt

 

Wissensgemeinschaften als Labors:

Weil WG nicht wie ein Projektteam unter (Zeit)Druck Unternehmensziele erreichen und erfüllen müssen, können sie wie Labors wirken, das heisst, sie schaffen "Laborbedingungen", die der Generierung, der Verarbeitung und Diffusion von Wissen besonders günstig sind.
Kluge Organisationsführungen verstehen dies nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch und lukrieren dadurch am ehesten entwickeltes und sich weiter entwickelndes Wissen.
Die Trennung zwischen straff ausgerichteten, stark zielorientierten Teams oder Projektgruppen bzw. Prozesseinheiten und offenen oder offeneren WG ist unabdingbar für deren Funktionieren. WG lassen sich nicht "verordnen" und "Wissen" ist nicht immer direkt messbar. Gerade durch die spezifische Arbeits- und Kommunikationsmöglichkeit von WG kann aber die Wissensplattform erweitert, das Reservoir vertieft und die Vernetzung verdichtet werden. WG leisten einen Beitrag zur Übersichtlichkeit komplexer Systeme, weil sie systemübergreifend wirken. Sie stellen sozusagen Experimentier- und Erprobungsfelder dar, in denen ohne Konkurrenzdruck oder Rivalität internes und externes Wissens aufgenommen und erweitert wird.
Das Wissen, welches eine WG "bildet", stellt mehr dar, als die Summe der Wissensteile ihrer Mitglieder. Es hat eine spezifische Qualität, die allen Beteiligten zugute kommt.